Neujahrswunsch 2012 Drucken E-Mail
Geschrieben von Armin Langmann   

Siehe, der Herr, dein Gott ist mit dir, in allem, was du tun wirst.

 aus der Predigt von Pfarrer Armin Langmann am Neujahrstag 2012 über Josua 1,1-9

Liebe Gemeinde am Jahresbeginn 2012,

 

vieles hat sich zum 1. Januar des Jahres geändert. Nicht nur die Fahrkartenpreise für U- und Straßenbahn, Benzin, Steuer, Versicherung und vieles mehr.

 

Die meisten Veränderungen machen wir uns gar nicht groß bewusst, aber sie werden sich auch auf uns auswirken.

Vernünftige Leute stellen sich auf Übergänge ein. Sie planen rechtzeitig die Vorbereitung darauf ein und sind dann nicht überrascht und vor vollendete Tatsachen gestellt, sondern können mit der neuen Situation auch umgehen.

 

Sie ersparen sich manche Gefühlsausbrüche und manches Erschrecken.

 

Nun sind wir hier in der Nikodemuskirche nicht zusammengekommen um das zu hören, was man in diesen Stunden überall hören kann. Wir fragen, ob es denn so eine erleuchtende Situation für uns geben kann, wie sie dem Namenspatron der Kirche, dem Nikodemus, widerfahren ist, als er Jesus fragte, was muss ich, was kann ich denn tun, dass bei mir das neue Leben beginnt, das den alten Trott ablöst?

 

 

Am Anfang dieses Jahres steht eine Kriegsgeschichte aus dem Josuabuch Kapitel 1,1-9.

Die Älteren unter uns erinnern sich noch an die Bilder im Gottbüchlein.

Mose ist alt. Er hat es nicht geschafft, sein Volk in das verheißene Gelobte Land zu führen. Er bestellt seinen designierten Nachfolger, den Josua zu sich und instruiert ihn. Er erläutert ihm die Lage und gibt im strategische Hinweise.

 

Dann stirbt er.

 

Und Josua muss es und soll es richten.

 

Schlaflose Nächte hatte er schon vorher, seit er wusste, was auf ihn zukam.

Nüchtern betrachtet waren sie mit ihren zwölf wandernden Stämmen Eindringlinge, die durch feindliches Gebiet zogen, ohne für ihre Verbrauchskosten aufzukommen.

 

Gut, sie waren auf der Durchreise und es gab ohnehin nicht viel. Aber wo sie etwas vorfanden, schlugen sie gewaltig zu und sich die hungrigen Mägen voll.

Mit Leuten, die sich ihnen in den Weg stellten, gingen sie nicht grade zimperlich um. Der erste Messerstich musste sitzen. Mit dem zweiten Handgriff die Beute und dann ab, durch die Mitte. So war das eben. Keine Zeit für Gefühlsduseleien.

 

 

Gut, sie hatten noch viel vor. Sie hatten Gott auf ihrer Seite.

Fürchte dich nicht, wo du auch hinkommst!

Ich werde immer an eurer Seite sein!

So hatte die Stimme Gottes gesprochen.

 

 

Josua wusste, wenn man ein Heer anführen soll, darf man kein Angsthase sein. Wenn man für Hunderte und Tausende Menschenleben verantwortlich ist, muss man Zielstrebigkeit und Selbstvertrauen ausstrahlen und kann sich keine Zweifel leisten, ob die Sache mit Gott nun auch wirklich stimmt und passt - oder ob es doch nur eine Einbildung ist, die zwar gut tut, aber nichts nützt.

 

 

 

Ja, es war eine Landnahme. Sie kamen, sahen und siegten. Und das bedeutete, dass ihre Familien dort ihre Zelte aufschlugen, wo am Bach vorher die anderen gelebt hatten. Es bedeutete, dass sie die Ziegen der Flüchtlinge schlachteten und ihre Lasten auf die Kamele der anderen aufluden.

 

Das Land war ihnen von Gott in den Schoß gelegt.

 

Sollte er daran zweifeln? Es würde sein Mission ganz und gar unmöglich machen.

Nein, er konnte, er durfte jetzt nicht zögern, sonst wäre alles verloren.

 

Er kannte diese depremierenden Gedanken. Immer wenn große Aufgaben vor ihm lagen zogen ihn diese Gedanken herunter. Alle Fröhlichkeit und aller Mut und Antrieb wich aus seinem Körper. Was nützten ihm göttliche Appelle: Du sollst Dich freuen, denn ich werde stets bei dir sein. Er sehnte sich danach, dass diese Stunden vergingen, dass er tun konnte, was er beherrschte, aber diesen Kampf gegen sich selbst empfand er immer am schwersten.

 

 

Liebe Gemeinde,

 

es ist nicht schwer, zu den schwermütigen Gedanken des Josua Parallelen zu ziehen in unsere Zeit. Gedanken, die einen herunterziehen, die die Hoffnung lähmen und die schönsten Pläne zunichte machen, kennt fast jeder. Man braucht nicht Nationaltorhüter oder Richterin in einem Berliner Problemgebiet zu sein, um zu wissen, was ein hoher Erwartungsdruck ist.

 

Und es weiß jeder, dass es keinen Sinn macht, wenn man merkt, man fährt in einer Sackgasse, das Tempo zu erhöhen, bis man am Ende an die Wand kracht, und trotzdem passiert es ständig.

 

Die Wiederholung von Parolen, die in die falsche Richtung weisen, ist höchst gefährlich. Das gilt für politische, wie für religiöse Parolen gleichermaßen!

 

Die Leitsätze des Josua mögen uns Zeugnisse einer tiefen Frömmigkeit sein, an der sich der treue Mann aufrichtet und ausrichtet. Sie muten gleichzeitig an, wie „Augen zu und durch", komme, was da wolle.

 

Die Geschichten im Alten Testament von der Landnahme der Stämme Israels sorgen bis heute für Sprengstoff. Die Siedlungspolitik und die Frage, wer das Recht hat, in den umstrittenen Gebieten zu bauen, zu wohnen und zu leben ist bis heute das Streitthema Nummer eins.

 

Solange man sich selbst auf der Seite der Guten weiß, solange man das Banner trägt, auf dem steht: Mit Gott, für Volk und Vaterland, solange einem der eigene Gürtel versichert, dass man auf der Seite der Guten ist, solange mag das alles schlüssig und nützlich erscheinen.

Problematisch ist nur, dass auf der anderen Seite auch Menschen leben, leben und lieben, wohnen und Kinder haben möchten und dass ihnen dieses Recht beschnitten und genommen wird.

 

 

So sehen wir den Josua mit anderen Augen, als umstrittenen Prototyp, als Anführer einer Gruppe, die nur Frieden und Bleibe für sich sucht und in Kauf nimmt, dass andere dafür ihre Heimat und ihr Leben verlieren.

 

 

Diese Geschichte, die man so eindrücklich als Glaubensgeschichte erzählen kann, zerrinnt uns zwischen den Fingern. Der Appell an die Standhaftigkeit und Glaubenstreue bringt mit sich so viel Bereitschaft, Kollateralschäden zu akzeptieren, bringt mit sich so viele Verluste an Menschen und an Sinn, dass es fast widersinnig erscheint, dafür Gott als Anstifter zu reklamieren.

 

 

Wenn wir in der Geschichte einen weiten Sprung machen, treffen wir auf eine fast parallel gestaltete Situation:

 

Jesus, der zweite Mose, versammelt seine Jünger um sich.

 

Er hat seinen Erdenweg auf grausamste Weise am Kreuz von Golgatha beenden müssen. Aber er begegnet den Seinen nochmals auf wundersame Weise und schärft ihnen ein:

Macht weiter so: Predigt, was ich euch gepredigt habe! Bringt die gute Botschaft zu den Menschen, die ihr von mir gehört habe. Dann werdet ihr merken: Ich bin alle Tage bei euch, bis es vorbei ist!

Jesus, der gewaltlose Revolutionär, der Eroberer der Herzen, der Missionar der Zweifler und der Heiler der Ausgestoßenen und Entrechteten, er greift auf identisch die selben Formulierungen zurück.

Siehe, der Herr, dein Gott ist mit dir, in allem, was du tun wirst.

 

Und Paulus, der Apostel, schließt sich an: Alles was ihr tut, mit Worten oder Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus.

 

Paulus ist sich der Schwäche der ersten Christen wohl bewusst. Er weiß, welchem Druck sie in ihrem Umfeld ausgesetzt sind. Darum sucht er sie zu bestärken, wo es nur geht:

 

Denkt daran: Seine Kraft ist in den Schwachen mächtig!

 

Das möchte er ihnen vermitteln: Diese Dynamik, die Kraft Gottes ist lebendig, erweist ihre Gestaltungskraft gerade dort, wo es mit dem „Aufrechten Gang" und „Kopf hoch" nicht mehr weit her ist.

Die Israeliten sind nicht nach Utopia gekommen. Sie mussten durch die Jahrhunderte erleben, dass das Paradies auf Erden nicht herstellbar ist. Es bleibt eine Fiktion, wunderbarer Stoff für James-Bond-Filme und ähnliches.

 

Auch im neuen Jahr werden wir als Gemeinde täglich neue Bewährungsproben zu bestehen haben. Aufgaben werden sich uns stellen, wo es um Dauer und Ausdauer gehen wird, um festhalten oder loslassen, bewahren oder verändern.

 

Die entscheidenden Momente werden nicht die sein, mit welcher Technik wir die Probleme lösen, sondern, wie viel Energie wir dafür mobilisieren können. Menschen, die mit uns glauben, hoffen und arbeiten und die wissen, wofür und warum.

Diese Menschen werden die wunderbare Erfahrung machen, dass auch dort, wo man sich schwach fühlt, wo die Glut nur noch glimmt, die Flamme neu hervorbrechen kann.

 

Darum bitten wir am Beginn dieses Jahres, dass wir uns zusammenschließen mit unserer Hoffnung, mit unserer Überzeugung mit unserer Kraft. Und dass wir mit der Wirksamkeit dessen rechnen, der versprochen hat, immer dabei zu sein.

 

Und der Friede Gottes, der höher als unsere Vernunft ist, bewahre uns Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

 

 

 

Letzte Aktualisierung ( Montag, 30. Januar 2012 )
 
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