Ein christlich-muslimischer „Erzählraum“ am 22.01.2026 in Nürnberg-Röthenbach
Anknüpfend an einen Begegnungsabend in der evangelischen Nikodemus-Gemeinde im Vorjahr lud an diesem Abend das Islamforum Nürnberg in seine Räumlichkeiten ein: eine besondere Nachbarschaft. Ziel der Begegnung sollte es sein, jenseits dogmatischer Diskussionen oder Abgrenzungen in einen geteilten Raum persönlicher religiöser Erfahrungen zu führen.
Schon bei einem Vorbereitungstreffen hatte sich das vierköpfige Vorbereitungsteam, aus zwei Frauen und zwei Männern, zwei davon christlich, zwei muslimisch, vor Ort in der Moschee auf drei prägnante Worte als Leitbegriffe für den Abend geeinigt: Unterschiedlich. Getragen. Leben. Zentral sollte es darum, gehen, wie sich Menschen in aller Unterschiedlichkeit im Glauben getragen erfahren, durch Veränderungen und Herausforderungen des Lebens hindurch. Spannend war es, bereits bei dieser Vorbereitung festzustellen, dass sich Begriffe wie „Getragensein“, die Christen vertraut erscheinen mögen, muslimischen Gläubigen nicht unmittelbar erschließen. Ein gelingender Dialog braucht also immer auch in Bewusstsein dafür, wie grundlegend es ist, eine gemeinsame religiöse Sprache zu suchen und religiöse Vorstellungen zu „übersetzen“.
Etwa 15 Menschen, je zur Hälfte christlich und muslimisch, kamen schließlich am eigentlichen Dialogabend in einem Nebenraum des „Islamforums Nürnberg“ zusammen. Ein Teil der ausschließlich männlichen, muslimischen Teilnehmenden war vorher beim Maghib, dem Abendgebet. Während der Ort für sie vertraut war, brauchte es für christlichen Teilnehmenden aus der Röthenbacher Gemeinde auch etwas Mut, in diesen Hinterhof und die die Schwelle dieses von außen nicht sichtbaren Gotteshauses zu treten.
Ein „interreligiöser Erzählraum“:
Als Mitarbeiterin von BRÜCKE-KÖPRÜ führte Sultan Durak in die Gesprächsmethode des Abends ein: Ein „Erzählraum“ lädt bewusst dazu ein, ein „Mosaik“ aus Eindrücken, Gedanken, Geschichten der unterschiedlichen Teilnehmenden zu einem bestimmten Thema entstehen zu lassen. Unverbunden und unkommentiert dürften dabei die Beiträge nebeneinander stehen. Es ist Raum zum Lauschen auf das Erzählte und auch darauf, was sich in einem selbst „regt“ und geteilt werden möchte. Was hier geteilt wird, soll im Raum bleiben und auch nicht in Details weitererzählt werden, so die Regeln für einen vertraulichen Rahmen, der Offenheit und Tiefe im Austausch entstehen lassen kann.
Im persönlichen Rückblick zeigten sich Sultan Durak und Pfarrerin Eva Kaplick tief berührt von dieser ungewöhnlichen Gesprächsrunde, davon, in welcher Verbundenheit und Vertrautheit sich so viele fremde Menschen Lebensgeschichten teilten: Berührende Lebenswege von Menschen unterschiedlicher Herkunftsländer und Kulturen, muslimisch, christlich, atheistisch, hellhäutig, dunkelhäutig. Sie erzählten von Schmerz, Verzweiflung, Sehnsucht und Verbundenheit, von Vertrauen und Geborgenheit. Offene Ohren und offene Herzen:
Eva Kaplick: „Die Muslimische Gemeinschaft hatte sieben Männer gefunden, die Interesse hatten an Dialog und die relativ gut Deutsch sprachen. In unseren Kirchen kommen eher die Frauen. Ich hatte den Eindruck: Es war ihnen wichtig, von uns zu hören und von sich zu erzählen“.
Sultan Durak: „Bei den christlichen Teilnehmern spürte ich auch eine ehrliche Offenheit zum Zuhören und Verstehen. War das der Grund, dass sich so viele muslimische Teilnehmer vertraulich öffneten? Oder die Muslime erzählten in aller Vertrautheit ihre Lebenswege bis nach Nürnberg, Sehnsüchte, Sorgen, Alltagsprobleme, aber auch Freuden, so dass man erstaunt einfach zu hören wollte“.
Eva Kaplick: „Eine große Sehnsucht habe ich bei den muslimischen Männern gespürt: Die Sehnsucht, sich im Gebet mit Allah zu verbinden und sozusagen ihren geistlichen Akku aufzuladen. Ich habe auch einen großen Schmerz gespürt darüber, dass es oft nicht möglich ist - als Busfahrer oder in einem Großraumbüro, weil ein geeigneter Ort fehlt.
Diese Sehnsucht kenne ich auf christlicher Seite nicht so intensiv“.
Sultan Durak: „Eine religiöse Gemeinsamkeit haben wir in der Geschichte über dem Propheten Yusuf (a.s= Friede sei mit Ihm) dt. Josef gefunden. Sowohl im Quran als auch in der Bibel wird es ähnlich überliefert. Ich nehme für mich mit: Yusuf (a.s) wurde von den eigenen Brüdern verraten. Flucht, Vertreibung, Versklavung, mit Anschuldigungen, Erniedrigungen und mit dem Kerker wurde ein Mensch geprüft, der später ein Gottesbote werden würde. Yusuf, Josef, was gab dir Kraft in diesen schweren Tagen? Hätte ich sehr gerne ihn fragen wollen und schaue darauf, was für ein besonderes Gottvertrauen (tevekkül) er trotz allem hatte“.
